25. März 2026

HyCologne Voices #1
RFNBO im Praxistest: Chancen, Hürden und was jetzt entscheidend ist

Foto: Carsten Krause mit der Delegation aus Tokio. Der Größenunterschied fällt auf – fachlich waren die Damen und Herren jedoch vollkommen auf Augenhöhe!

In unserer Erstausgabe der „HyCologne Voices“ sprechen wir mit Philip Weykamp von GreenTrax über den Einfluss und die Chancen von RFNBO für den Wasserstoffhochlauf und die Verringerung von Emissionen. Sein Fazit: Positiv. Seine Ergänzung: Es ginge noch einfacher, schneller und verlässlicher.

Herr Weykamp, inwiefern beeinflussen die aktuellen regulatorischen Vorgaben für RFNBO-Wasserstoff aus Ihrer Sicht den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft in Europa?

Die Regulierung setzt wichtige Leitplanken für glaubwürdigen Klimaschutz und schafft langfristig Vertrauen in grünen Wasserstoff. Mit den EU-weit anerkannten Zertifizierungssystemen gehen eine Standardisierung und Absicherung der hiesigen H2-Produktion einher, bei der alle denselben Anforderungen unterliegen.

So als ganz einfach gilt die Zertifizierung nicht…

Die Anforderungen sind komplex und werden oftmals als “Bremsfaktor” kritisiert.

53 erfolgreiche RFNBO-Zertifizierungen im letzten Jahr zeigen aber, dass die Anforderungen erfüllbar sind.

Wir haben zahlreiche Projekte durch ihre Erst-Audits begleitet und ziehen ein positives Fazit!

Zertifizierter Wasserstoff zeigt eine deutlich höhere CO2-Vermeidung und dementsprechend einen höheren Marktwert. Auch auf Abnehmer- und Kundenseite stärkt eine solche transparente und verlässliche Nachverfolgbarkeit durch Zertifizierungen das Vertrauen in klimafreundliche Produkte.

Welche Auswirkungen haben die bestehenden RFNBO-Anforderungen auf Investitionsentscheidungen und Projektentwicklungen entlang der Wasserstoff-Wertschöpfungskette?

Viele Projektentwickler und Investoren kämpfen weniger mit der aktuellen Regulierung als mit der fehlenden Planungs- und Rechtssicherheit.

Verzögerte langfristige Gesetzgebung und anhaltende politische Diskussionen führen zu einer abwartenden Haltung der Marktplayer. Auf Abnehmerseite sollten – insbesondere bei der Nutzung von RFNBO in der Industrie – stärkere Instrumente durch die Politik eingeführt werden. Klimaschutzverträge, wie sie derzeit in einer zweiten Ausschreibungsrunde durch die Bundesregierung angestoßen werden, sind ein richtiger Schritt, aber aller Voraussicht nach deutlich zu wenig, um die ambitionierten EU-Ziele für RFNBO in der Industrie zu erreichen.

Was also brauchen wir Ihrer Ansicht nach?

Wir brauchen dringend ein klares Bekenntnis aller politischen Instanzen zu der bestehenden Regulatorik.

Sämtliche Debatten um Anpassungen und Verschiebungen hemmen die Investitionsentscheidungen. Lasst uns mit dem bestehenden Rechtsrahmen loslegen – große Player im Markt, wie Lhyfe , Air Liquide oder Abo Energy haben bereits gezeigt, dass es geht! Das bedeutet freilich nicht, dass Änderungen nicht möglich oder sinnvoll sind. So ist z.B. die Verschiebung oder Aussetzung der “verschärften zeitlichen Korrelation” ab 2030 sinnvoll. Das permanente Hinterfragen einer bestehenden Regulatorik schafft aber weitaus größere Unsicherheit, als jede Regulatorik.

Wie bewerten Sie insgesamt die Komplexität der RFNBO-Regulatorik?

Die Anforderungen – etwa zur Zusätzlichkeit sowie zeitlicher und geografischer Korrelation – sind in der praktischen Umsetzung tatsächlich sehr anspruchsvoll. Die Kombination aus energiewirtschaftlicher, regulatorischer und datenbezogener Komplexität stellt viele Akteure vor große Herausforderungen.

Wir sehen in der Praxis, dass hier die lückenlose Dokumentation entscheidend ist, um im Audit zu bestehen.

Andere Voraussetzungen, wie beispielsweise die Berechnung der THG-Intensität aller Einsatzstoffe, sind unter Einbezug einer entsprechenden Software hingegen eher mit geringerem Aufwand überprüfbar.

Sie sprechen aus der Erfahrung Ihrer täglichen Praxis…

Ja, wir haben für diesen Bereich unsere Software Hydromize explizit durch die GUTcert prüfen lassen. Die offizielle Konformitätsbestätigung sichert Nutzende von Hydromize ab. Die Software arbeitet sehr flexibel auf Basis aller in der EU zugelassenen Zertifizierungssysteme. Die THG-Berechnung steht, neben den PPA-Verträgen, im besonderen Fokus der Auditoren. Ist die Berechnungsmethode aber sauber und nachvollziehbar dargelegt, lässt sich dieser Punkt meist zügig abhaken.

Wo sehen Sie aktuell die größten Diskrepanzen zwischen regulatorischen Vorgaben und der technischen bzw. wirtschaftlichen Realität von Wasserstoffprojekten?

Eine zentrale Diskrepanz liegt darin, dass regulatorische Vorgaben oft von idealtypischen Marktbedingungen ausgehen, während reale Projekte mit begrenzten PPA-Verfügbarkeiten, Netzeinschränkungen und unvollständigen Datenstrukturen konfrontiert sind. Diese Lücke erschwert eine schnelle Umsetzung, ließe sich mit politischem Willen jedoch überwinden.

Regulatorische Schwierigkeiten treten weniger beim Wasserstoff selbst auf, sondern stärker bei den Netzen.

Die Vorgaben zum RFNBO erlauben grundsätzlich die Nutzung von Strom, der ohne eine erhöhte RFNBO-Produktion abgeregelt worden wäre. Der Vorteil: Für diesen Strom gilt automatisch die grüne Eigenschaft (vorbehaltlich der Entwertung von Herkunftsnachweisen), sodass kein zusätzlicher PPA abgeschlossen werden muss, und selbstredend auch nicht die zeitliche und geographische Korrelation erfüllt sein müssen.

Klingt positiv, aber es gibt einen Haken an der Sache?

Ja, die Praxis zeigt, dass vermiedener Redispatch-Strom teilweise nicht genutzt werden kann, weil beispielsweise sogenannte Entlastungsregionen nach EnWG überwiegend im Norden ausgewiesen werden, obwohl auf Verteilnetzebene auch im Rest Deutschlands erhebliches Potential an grünem Redispatch-Strom vorhanden wäre. Hier muss die Politik noch gegensteuern.

Es muss deutlich einfacher werden, ansonsten abgeregeltem Strom zu nutzen.

Welche Teile der RFNBO-Vorgaben halten Sie für fachlich sinnvoll und zielführend, um tatsächlich zusätzlichen erneuerbaren Strom und Klimaschutz sicherzustellen?

Der Fokus auf Zusätzlichkeit ist aus unserer Sicht essenziell, um echten Klimanutzen sicherzustellen. Durch die Verknüpfung mit der THG-Quote hat die Regulatorik das Potenzial zu einem “EEG 2.0” zu werden. Auch klare Anforderungen an Transparenz und Nachweisführung sind langfristig wichtig, um Vertrauen entlang der Wertschöpfungskette zu schaffen.

RFNBO ist kein Greenwashing. RFNBO ist echter Klimaschutz mit nachweisbaren Einsparungen an Treibhausgasen.

Welche regulatorischen Weichenstellungen wären aus Ihrer Sicht in den kommenden Jahren entscheidend, um RFNBO-Wasserstoff schneller in die industrielle Anwendung zu bringen?

Entscheidend wird sein, regulatorische Stabilität mit Lernfähigkeit zu verbinden. Ein schrittweiser Hochlauf mit klar definierten Entwicklungspfaden würde dazu beitragen, Investitionen zu mobilisieren und gleichzeitig die langfristigen Klimaziele zu sichern.

Dabei wird es entscheidend sein, Ziele und Regulatorik nicht immer wieder in Frage zu stellen, sondern sich auf diese einzustellen.

Einen weiteren Hebel stellen zudem Subventions- und Förderprogramme dar, wie bspw. Klimaschutzverträge und Ausschreibungen auf nationaler und europäischer Ebene. Ursula von der Leyen hat eine Absicherung der Investitionen in Atomkraft verkündet. Eine solche Absicherung wäre auch für den Hochlauf von Wasserstoff sinnvoll. Momentan haben zahlreiche Projekte Schwierigkeiten FID zu erreichen, da die langfristige Wirtschaftlichkeit nicht gesichert ist.

Last but not least sehen wir durch unsere Erfahrungen aus dem Bereich der Elektromobilität und die Nähe zum THG-Quotenhandel, wie groß die Zugkraft solcher Zusatzerlöse ist.

Wer heute grünen Wasserstoff in den Verkehr bringt, kann über die THG-Quote rund 15€ je kg erlösen.

Entsprechend viele Anfragen erreichen uns zum Quotenhandel für RFNBOs. Ein ähnliches Programm auch für die Industrie aufzulegen, würde viele Investitionsentscheidungen beschleunigen und den Markthochlauf für grünen Wasserstoff auf das nächste Level heben!

Philip Weykamp und Greentrax

Philip Weykamp ist CEO und Co-Founder der GT Emission Solutions GmbH (Inhaberin der Marke GreenTrax). GreenTrax ist ein spezialisierter Dienst-leister, der Unternehmen mit Software („Hydromize“), Beratung und Abwicklung dabei unterstützt, Treibhausgasquoten zu vermarkten und grünen Wasserstoff (RFNBO) zu zertifizieren. Ziel ist der wirtschaftliche Einsatz von Strom und Wasserstoff aus erneuerbaren Energien in Industrie und Verkehr. GreenTrax ist HyCologne-Mitglied.

Sie haben noch mehr Fragen?

GT Emission Solutions GmbH
Boschstraße 16
47533 Kleve
+49 2821 741 5035

info@greentrax.de
www.greentrax.de

HyCologne – Wasserstoff Region Rheinland e.V.
An der Hasenkaule 10
Gebäude 14, Eingang D
50354 Hürth
T +49 173 / 256 023 9